21. März 2008

Ulysses. Irrfahrten eines Lesers.

Lieben oder leben lassen. La france, aimez ou quittez. Es gibt Dinge, die einem nicht egal sein können, bei denen unsere Gedanken schwarz-weiss gedruckt sein müssen, mit mir oder gegen mich, pro oder kontra, oder dann komplette Unkenntnis. Ein solches Ding ist Ulysses, bedeutendstes Werk des irischen Schriftstellers James Joyce, Statussymbol sämtlicher Pseudointelektueller und Laienliteraten und damit auch mein favorisiertes Statussymbol. Entweder kennen und hassen Sie das Buch und seine Leser bereits, oder sie lieben und lesen es. Oder Sie haben noch nie davon gehört, was schade und/oder eine Schande ist. Nun, es ist gewissermassen das Buch, oder immerhin der Roman. Das Werk handelt von Leopold Bloom, einem Annoncenakquisiteur aus dem Dublin des Jahrens 1904. Der 16. Juni dieses Jahres und wie jener Mann diesen Tag erlebt werden auf knapp 1000 Seiten dargelegt. Der Roman ist eine isolierte Momentaufnahme des Dublin dieser Tage, die James Joyce in Verbindung mit dem homerischen Epos der Odysee gebracht hat. Ich hatte nur zwei Jahre Latein in der Schule, und meine klassische Bildung fällt entsprechend aus. Auch wenn ich also nur die Hälfte der Verweise aufs antike Geschehen verstehe, ich finde trotzdem mehr in diesem Buch als in jedem anderen.

Das Essen schuf Gott, die Köche der Teufel.

Blooms Gedanke beim Besuch eines Restaurants, pure Weisheit, poetisch verpackt.

Und genau das, 1000 Seiten lang.

Natürlich gibt es auch Leute, die den Roman hassen, mit ihm nichts anfangen können, oder ihn gar hassen. Was sie aber nicht können, ist ihn vergessen. Den Ulysses ist ein Ding, das definiert. Man mag das Werk und definiert sich entweder als wahrer Literaturkenner oder als Semiintelektueller. Man hasst es und definiert sich als - ich möchte nicht unhöflich werden. Und man kennt es (noch) nicht. Und definiert sich damit auch irgendwie.
Ulysess definiert und ist gleichzeitig die Definition des Romans.

10. März 2008

Vom Teufel.

Ein Gespenst geht um in der Schweiz, das Hirngespinst des Teufels. Wie ich heute in 20 Minuten lesen durfte, stellt die katholische Kirche in der Schweiz zusätzliche Exorzisten ein. Angebot und Nachfrage. Offenbar gibts hierzulande immer mehr vom Teufel Besessene, die sich einer fachmännischen Behandlung unterziehen wollen. Und da reichen die zwei bisherigen Teufelsaustreiber nicht mehr aus. Angebot und Nachfrage. Irgendwie erinnert mich das an die Plattenbosse, die die lauen Alben und Singles ihrer eigenen Schützlinge kaufen gehen, um sie damit in die Hitparade zu pushen. Denn der Teufel ist ja das gleiche wie Gott, nur anders. Die Menschen schufen Gott nach ihrem Ebenbild, und mit ihm den Teufel. Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los, der Teufel machte sich selbstständig und jetzt hat man die Schweinerei. Also wird ausgetrieben.
Auf 20min.ch fand ich ausserdem ein Interview mit einem polnischen Exorzisten, der aus seiner Berufspraxis erzählt:

Ein Exorzismus besteht vor allem aus Gebeten. Es gibt keine speziellen Formeln dazu. Manchmal setzt man auch Weihwasser ein. Wichtig ist in jedem Fall der Glaube, dass Gott stärker als alles Böse ist. Manchmal muss man lange beten, bis die Erlösung kommt. Aber am Ende gewinnt immer Gott, auch wenn das Böse ganz besonders stark in Erscheinung tritt. Gott ist stärker als alles Böse und alles, was Angst macht.

Man geht also zum psychisch Kranken hin, glaubt daran, dass Gott stärker als das Nichts (der Dämon existiert ja höchstwahrscheinlich nicht) ist - und weg ist der Teufel. Vielleicht sollten sie damit mal zu The Next Uri Geller.

26. Februar 2008

Seelen aus Sushi.

Es ist schon etwas länger her, seit ich mich das letzte Mal hier geäussert habe. Dies aus dem einfachen Grund, dass Blogging meiner Meinung nach immer noch ein Ding von und für Leute(n) mit zuviel Zeit ist. Und in der letzten Zeit hatte ich nicht zuviel Zeit, ich hatte wenig Zeit, weil ich während einer eher kurzen Zeit viel Zeit mit dem Planen eines Gymerballs verbrachte, der sehr kurzfristig, also schon nach kurzer Zeit stattgefunden hat. Zeit.
Sollte ich einmal das Zeitliche segnen, dann sollen andere die Organe bekommen, die früher mal mir gehört haben werden, sorry, das würde ja heissen, es gibt mich nach dem Tod noch, verlockend zwar, aber leider etwas irrational, da könnte und kann man sich streiten, jedenfalls sollen andere meine Organe haben, wenn es mich nur noch tot gibt. Deshalb habe ich gerade eine Spendekarte ausgefüllt, ziemlich simpel, Name, Geburtstdatum, Unterschrift, und dann bitte Kreuzchen setzten, entweder spendet alles, oder dann auch nichts, und für die Unentschlossenen kann man vor einzelne Organe Kreuzchen setzten. Wäre ich japanisch und hätte ein Herz aus Sushi, so würde das Sinn machen. Denn die Japaner glauben, das sich im Herz die Seele des Menschen befindet, und deshalb gibts in Japan auch keine Herztransplantationen.

herzen aus sushi
roh in der brust
japanische seelen
und sushi transplantiert man nicht.

Unjapanisch wie ich bin, habe ich mein Kreuz bei ich gestatte im Falle meines Todes die Entnahme jeglicher Organe, Gewebe und Zellen gesetzt. Ich bin das Gegenteil von Japan und schreibe wie eine Freitagtasche.

Hier gibts die Spendenkarte.

19. Januar 2008

Minutes to madness.

Ich spiele in zwei Bands Bass und in beiden schreibe ich auch die Songtexte. Die eine Band ist ein semiambitioniertes Hobbyprojekt, Vintage genannt, die andere ist eine halbprivate Schulband. Halbprivat, weil das ganze theoretisch immer noch die Sekundaband des Gymnasiums Interlaken ist, halbprivat aber auch, weil wir uns weitgehenst von der betreuenden Lehrkraft emanzipiert haben. Und einer unserer Songs heisst Minutes to madness, was eine mittelsubtile Verballhornung von Linkin Park ist, deren neustes relativ gesehen bestes Album ja Minutes to midnight heisst.
So weit so gut, und aus irgendeiner spontant-bierfreien Bieridee heraus, haben wir alle unsere Windows-Live-Messenger-Kontakte aufgefordert, zu ihrem Nick/Untertitel/wie-auch-immer-man-es-nennen-will Minutes to madness hinzuzufügen.
Aufgrund des Schneeballeffektes - wers hinzugefügt hat, rekrutiert fünf weitere - kamen so sehr viele Madness-Minuten zusammen, und wir haben jetzt beschlossen, es zu einem Internetphänomen auszubauen, deshalb bitte ich auch Sie, auch in ihren Nick/Untertitel Minutes to madness zu schreiben.

10. Januar 2008

Porno.

Seit etwas mehr als einem Jahr habe ich nun diesen Blog, und seit ich im März 2007 einen Beitrag über Michèle Roten, Kolumnistin und Autorin des Magazins schrieb, verging kein einziger Tag, an dem nicht mindestens viermal nach Michèle Roten gegoogelt und mein Blog gefunden wurde. Ich will mich ja nicht beklagen.
Viele Leute kommen auch auf meinen Blog, obwohl nur nach einem Tetrapack Orangensaft gegoogelt haben.
Weitere Evergreens sind (neben Michèle Roten in allen möglichen und falschen Schreibweisen):
- durchfall von activia-joghurt
Offenbar ein ernsthaftes Problem.
- männliche nutte werden
Kein Kommentar, keine Anleitung.
- flotter vierer
Immer wieder, und ganz lang.
- stress konzert interlaken 1. januar
Ja, ich war dort, aber der erste Januar ist seit mehr als einer Woche Vergangenheit.

Was ich aber weniger verstehe, ist, was Leute mondo macchiato suchen, wo sich doch eigentlich das da wollten:
- Callgirl 16 Jahre Schweiz*
So was gibts hier (noch) nicht.
- “das Landleben” text+musik
What the fuck…
- brötchen in fabriken herstellt
Na ja…

Jedenfalls haben ich das alles Google zu verdanken, und manchmal bin ich dankbar dafür, manchmal nicht.

*Porno scheint ja eine gewisse Dauerkonjunktur zu haben, jedenfalls online.
Der Leben-Gedanken-Blog wurde, nach einer Woche Porn-only-Einträgen (mal was über Timtube.com, mal was über Youporn.com) zum WordPress-Blog des Tages.
Irgendwie billig. Wie Porno.

5. Januar 2008

Freitags: Tasche.

Ich kaufte eine Freitag-Tasche. An einem Freitag. Gestern. Sie ist sehr schön. Schwarz-weiss. Das sei extrem selten und entsprechend gesucht, so eine rein schwarz-weisse Freitag-Tasche hat mir der Verkäufer gesagt. Sie ist wirklich schön. Leider war sie eher teuer. Modell Dragnet. 199 Franken. Für eine Tasche die grösstenteils aus Recycling-Materialien besteht. Ich meine, die Idee, das Konzept, das ist ja wirklich gut und originell und praktisch, doch sollten Recyclingprodukte nicht günstiger sein, als neuwertige? Egal. Sie sieht dafür wirklich gut aus, und kein anderer hat die gleiche. Und ausserdem ist sie made in Switzerland. Das ist mir dann das Geld wieder wert. Freitag-Taschen gibt es schon seit einer Weile, der grosse Hype ist vorbei, aber gerade deshalb sind sie erst jetzt tragbar für andere Leute, weil sie eben nicht mehr ein Massenphänomen, nicht mehr in sind, aber gerade deshalb oder trotzdem sind sie für einige Leute wieder oder immer noch tragbar – egal. Jedenfalls hab ich jetzt eine.
Und für den Fall, dass sie mir eines Tages nicht mehr gefallen sollte, vielleicht gibt es eines Tages ein Negativrecycling, Lastwagenplanen aus Freitagtaschen. Patchwork.

3. Januar 2008

Transvestite Kondukteure: Homophobie!

Sie und er, im Abteil neben mir, ich im Abteil neben ihnen, sie und er ungefähr gleich alt wie ich, ich ungefähr gleich alt wie sie und er, im Zug von Bern nach Interlaken. Sie und er gingen offensichtlich mal zusammen in die Schule, anregende alte-Freunde-Atmosphäre also. Plötzlich beginnen sie, heute zu rezensieren. Sie kommen zum Schatzchäschtli, man schickt ein SMS, 70 Rappen, und vielleicht wirds abgedruckt, ich habe dich dannunddann daunddort gesehen, bitte melde dich, et cetera, suum quique. Für einmal aber war ein SMS von einem mannsuchenden Mann drin. Und dann war die Hölle los:

Sie. Wääh! Die sollen das nicht in die Zeitung tun. Ich hasse Schwule!
Er. Wieso?
Sie. Das ist einfach so… grusig. Wääh!
Er. Also eigentlich ist es ja nicht verboten, schwul zu sein.
Sie. Ja aber doch nicht in der Zeitung.

Ich schluckte schon mal leer und musste grinste eher spöttisch ob so viel Ignoranz.
Das Gespräch drehte sich weiter, hin zu Transvestiten, er stellte die Theorie auf, dass Transvestiten eigentlich nur Homosexuelle sind, die sich umoperiert haben, um nicht aufzufallen; ich staune. Dann kommt der Kondukteur.

Sie, tatsächlich. Waren Sie mal eine Frau?
Er, bleibend. Ich gehe jetzt.
Kondukteur, staunend, aber immerhin genug schlagfertig. In meinem letzten Leben, wieso?
Kondukter geht ab.
Sie kichernd, ich schockiert. Komm auf die Welt, bitte Mädchen.
Mit ihr zu streiten brauchte ich aber nicht mehr, der Zug kam an. Und ich mit ihm.

1. Januar 2008

Stress.

Heute Nachmittag war ein Stress-Konzert in Interlaken. Open air, Eintritt frei.
Der Auftritt war wie die Gratiszeitung heute: ab 16 Uhr, gratis und ein eher oberflächlich.
Trotzdem nicht schlecht. Die Musik, meine ich. Die Idee von einem Gratiskonzert an Neujahr finde ich hervorragend. Über den Namen - 1. Jänner Kracher - kann man sich hingegen streiten.
Jedenfalls war das Konzert ein Erfolg, sofern man bei einer Gratisveranstaltung von Erfolg sprechen darf - jedenfalls waren viele Leute da. Sehr viele. Es kam sicherlich zu einer Art Gruppengefühl, wenn man sich mit Hunderten anderer Menschen in Richtung Ausgang drückt, und aus der Gegenrichtung ebenso viele entgegendrücken, weil der Ausgang eben auch ein Eingang war.

31. Dezember 2007

Neues Jahr, neues Design.

Nach etwas mehr als einem Jahr habe ich mir ein neues Layout zugelegt.
Ganz fertig bin ich noch nicht, der Freitag-Truckspotting-Tower ist nur provisorisch im Header, und zu HOME und ÜBER DIESEN BLOG muss ich noch hinzufügen, kommen noch andere Seiten hinzu, aber ich werde in meiner Arbei durch die Neujahresfestivitäten unterbrochen.
Ich wünsche alles Gute fürs neue Jahr, das Schlechte muss man ja nicht wünschen, das kommt von alleine, genauso wie das Gute, aber man wünscht es sich halt trotzdem.
Ich belasse es aber nicht nur beim Wünschen, sondern gebe noch ein paar gute Tipps, frisch aus der 20min.ch-Community mit auf den Weg an die Silvesterparty, betreffend der Katervorbeugung:
- Fettig essen (heute abend)
- Wasser trinken, vor und während und nach dem Alkohol
- ein grosses Glas Wasser vor dem Zubettgehen
Das also die Katertipps.
Eine andere Möglichkeit wäre ja auch, weniger zu trinken, aber in ihrer Absurdität gelten sie ja nur von Anfang bis Mitte Januar, und da gehört der Silvesterabend glücklicherweise noch nicht dazu. Wie Sie sehen, finde ich nicht viel an Vorsätzen.

29. Dezember 2007

Marilyn Manson on the O’Reilly Factor.


Dieses Interview, zufällig auf YouTube hat mir folgende Erkenntnis bestätigt:
Marilyn Manson ist intelligenter.
Und zwar in mehreren Hinsichten.
Er ist intelligenter als die meisten seiner Kritiker.
Aber auch intelligenter als die meisten seiner Fans.
Und intelligenter als Bill O’Reilly allemal.
Und dann ist er noch ein intelligenter Geschäftsmann.
Über die Musik dagegen kann man sich steiten.
Aber malen kann er ja schliesslich auch noch.